Seline Kunz

Sex dis-/played: wie Jugendliche ihre Erfahrungen mit Pornografie erzählen

Der Zugang zu sexuell explizitem Material ist für Jugendliche in den letzten Jahren immer einfacher geworden. Diese Entwicklung steht im Kern eines gesellschaftlichen Missbehagens darüber, dass Pornografie bei jungen Menschen eine Reihe von negativen Auswirkungen hervorbringen könnte: Von veränderten Sexual- und Körperpraxen über die Verankerung von Ideen ungleicher Geschlechterverhältnisse bis hin zu erhöhter Gewaltbereitschaft werden zahlreiche mögliche Effekte von Pornografie auf Jugendliche diskutiert.In meinem Dissertationsprojekt nehme ich einen dezidierten Perspektivenwechsel vor. Im Zentrum steht nicht die Frage, welche Auswirkungen Pornografie auf Jugendliche nach sich zieht, sondern, wie Jugendliche Pornografie erfahren, diese deuten und mit ihr umgehen. Mit diesem Perspektivenwechsel geht zudem eine Abgrenzung gegenüber einer politisch gefärbten Vor-Verortung in eine ‚Pro- oder Anti-Porno-Position‘ einher, wie sie die Forschungslandschaft, wie auch den gesellschaftspolitischen Diskurs prägt und spaltet.Ein Bereich besonderen Interesses in meinem Dissertationsprojekt stellt eine Ambivalenz von einem Teil der Jugendlichen gegenüber Pornografie dar, wie sie im Rahmen einer schwedischen Studie von Löfgren-Mårtenson und Månsson (2010) und auch in älteren schwedisch-sprachigen Studien, welche Löfgren-Mårtenson und Månsson rezipierten, festgestellt wurde. Diese Ambivalenz zeigte sich vor allem bei jungen Frauen, die sich dahingehend äusserten, dass sie Pornografie zwar erregend fänden, dies aber für eine Frau als gesellschaftlich nicht akzeptabel erachteten. Eine andere Form von Ambivalenz zeigte sich darin, dass junge Frauen Momente beschrieben, in denen sie gleichzeitig negative Gefühle gegenüber Pornografie wie auch Erregung empfanden.Diese Ambivalenzen sind aufschlussreich, weil ich unterstelle, dass sie gesellschaftliche Ge-schlechterverhältnisse spiegeln, die sich in einem Prozess einer paradoxen Gleichzeitigkeit von Persistenz und Wandel (Maihofer 2007 und Jäger/König/Maihofer 2012) befinden. In anderen Worten: Geschlechterrollen und Sexualität entwickeln sich weg vom bürgerlichen Geschlechtermodell, das geprägt ist von einer dichotomen Herrschaftsstruktur (Bourdieu 2005). Gleichzeitig wird jedoch diese Herrschaftsstruktur reproduziert, bleibt in den Geschlechterrollen und der Sexualität haften und erhält auf diese Weise eine normalisierende Kraft. Der Umgang von Jugendlichen mit Pornografie lässt sich so als Ausdruck und Ort von gleichzeitigen Transformations- und Normalisierungsprozessen und von Sexualität, Geschlecht und Geschlechterverhältnissen lesen.In Gruppendiskussionen und Einzelinterviews mit Jugendlichen möchte ich herausfinden, ob und wie sich diese ambivalenten Prozesse zeigen und in welchem Verhältnis die Erfahrungen Jugendlicher mit Pornografie zu ihrer eigenen Sexualität stehen. Die Perspektive, die sich explizit den jugendlichen Lebenswelten verschreibt, stellt sicher, dass junge Menschen als Akteur_innen wahrgenommen werden und die Themen, welche sie umtreiben, hervorhebt und reflektiert. Der Fokus auf Geschlecht und gesellschaftliche Geschlechterverhältnisse beleuchtet das Thema aus einem Blickwinkel, der in bisherigen Studien vernachlässigt wurde und meines Erachtens einen fruchtbaren Beitrag zur künftigen Diskussion um das Thema Jugend und Pornografie leisten kann. 

Keywords: Pornografie, Sexualität, Jugend, Körper(selbst)verhältnisse und Körperpraxen, Geschlechterverhältnisse, Normalisierung und Transformation

Supervisor: Hans-Ulrich Grunder

Co-Supervisor: Andrea Maihofer

 

Bio:

  • Seit März 2013 Doktorandin und wissenschaftliche Assistentin von Prof. Dr. Hans-Ulrich Grunder  am Institut für Bildungswissenschaften der Universität Basel/ PH FHNW
  • Februar 2013 MA Geschlechterforschung und Pädagogik, Universität Basel
    Masterprojekt: «Ich bin gar nie richtig aufgeklärt worden» – eine Analyse von  Gesprächen mit Jugendlichen über Sexualaufklärung in der Schule. Betreut durch Prof. Dr. Andrea Maihofer/ Zentrum Gender Studies
  • Juli 2008  BA Geschlechterforschung und Anglistik, Universität Basel
  • Dezember 2003  Matura am Gymnasium Laufental-Thierstein