Nadine Sarfert

rebel with(out) a cause. »Deviante Jugend« im Spannungsfeld von Reproduktion und Widerstand

Seit einigen Jahren hat in medialen, politischen und wissenschaftlichen Diskursen wieder verstärkt ein defizitäres Jugendbild der Gefahr und Gefährdung Konjunktur. Jugendliche Individuen oder Gruppen werden wahlweise als dumm, faul, unpolitisch, sexuell verwahrlost, kriminell, aggressiv oder aktivierungsbedürftig dargestellt und das Phänomen Jugend damit als soziales Problem hervorgebracht. Zum einen geraten dabei vor allem sogenannte sozial benachteiligte Jugendliche in den Fokus der Aufmerksamkeit und werden in besonderem Maße als Sicherheitsrisiko und Bedrohung der gesellschaftlichen Ordnung repräsentiert. Zum anderen sind die Vorstellungen von Devianz an heteronormative Geschlechtervorstellungen und rassistische Argumentationsweisen gekoppelt: Vorwiegend männlich identifizierte Jugendliche mit sogenanntem Migrationshintergrund werden bspw. als Prototypen der gewaltbereiten und gefährlichen Jugend stilisiert, wogegen Mädchen und Trans*Jugendliche in den medialen Probleminszenierungen meist erst dann sichtbar und Objekt von Normalisierungsbestrebungen werden, wenn es um eine gefährdete Sexualität oder Abweichungen von geschlechtlichen Rollenerwartungen geht.
Soziale Arbeit wird in diesen Probleminszenierungen zunehmend als staatliche Interventions- und Regulierungsinstanz adressiert, um die ›abweichenden Subjekte‹ gemäß hegemonialer Vorstellungen zu normalisieren und an die gegenwärtigen Herrschaftsverhältnisse anzupassen. In meinem Dissertationsprojekt stelle ich die Erfahrungen und Umgangsstrategien von deviant markierten Jugendlichen ins Zentrum und untersuche wie Jugendliche in Einrichtungen der stationären Jugendhilfe mit hegemonialen Zuschreibungen, Erwartungen und (Normalisierungs-) Anforderungen konfrontiert werden und umgehen. Mich interessiert dabei besonders, wie sie in der Aneignung von, in der Verhandlung mit und in Abgrenzung zu hegemonialen Normen und Anforderungen eigene Deutungsmuster, Identitätskonstruktionen und Praxen entwickeln und wie diese in politischen, sozialen und ökonomischen Bedingungen - also in den gesellschaftlichen Verhältnissen als Ganzes - situiert sind. Mit einem ethnografischen Forschungsansatz will ich den eigensinnigen Praktiken dieser ›devianten Jugend‹ nachspüren und vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Machtstrukturen, wie z.B. kapitalistische Produktionsbedingungen, Rassismus und Geschlechterverhältnisse untersuchen. Im Zentrum meiner Forschung stehen daher folgende Fragen: Wie gehen die Jugendlichen mit hegemonialen Zuschreibungen, Erwartungen und Anforderungen um? Wie ist ihre Sicht auf die Verhältnisse, in denen sie leben, und wie positionieren sie sich innerhalb dieser? Wie entwickeln sie in ihren alltäglichen Erfahrungen Handlungsmacht? Inwieweit sind jugendliche Ermächtigungsstrategien und die Kämpfe im Kleinen mit den Strukturen der Macht verbunden? Wo entfaltet sich ein widerständiges Potential, das die hegemonialen Deutungen zurückweist, verschiebt, aneignet oder umdeutet und inwiefern trägt ihr Handeln auch zur (Re)produktion von sozialen Bedeutungen und gesellschaftlichen Machtstrukturen bei?
 

Keywords: Jugend, Devianz, Cultural Studies, Hegemonietheorie, Ethnografie, Soziale Arbeit

 

Supervisor: Andrea Maihofer

Co-Supervisor: María do Mar Castro Varela (Alice Salomon Hochschule Berlin)

 

Bio:

Nadine Sarfert hat zunächst an der Alice Salomon Hochschule Berlin im Bachelor Soziale Arbeit und anschließend im M.A. Gender Studies an der Humboldt Universität zu Berlin studiert.
Seit 2014 ist sie Kollegiatin im Graduiertenkolleg Geschlechterforschung IV "Geschlechterverhältnisse - Normalisierung und Transformation" der Universität Basel.
Zu ihren Forschungsinteressen gehören Gesellschaftstheorie, Geschlechterforschung, Cultural Studies, kritische Soziale Arbeit und Jugendforschung.