Michela Seggiani

Repräsentation von Geschlechterverhältnissen in Naturhistorischen Museen

Seit ihrer Gründung Mitte des 19. Jahrhunderts präsentieren Naturhistorische Museen Kultur- und Naturgeschichte, die vornehmlich aus bis zu 300 Jahre alten Sammlungen besteht. Gruppen und/oder Teilen einer Gesellschaft werden damit Wissens- und Identifikationsangebote vermittelt, in denen immer auch Repräsentationen von Geschlechterverhältnissen enthalten sind. Dadurch, dass institutionalisierte Museen über ein „kulturelles Erbe“ verfügen (und dies somit definieren) und als Bewahrer der globalen Naturgeschichte gelten, beanspruchen sie eine starke Machtposition, denn sie entscheiden, was wann gesammelt und bewahrt, was wem und in welcher Weise gezeigt wird. Auch der Anspruch, ein Gesamtbild durch objektive Anschauung aufzuzeigen, zeigt ihre Machtposition deutlich.Im kulturhistorischen Kontext konstituiert die Darstellung und das Präsentieren des Unbekannten und Fremden, sei es durch Ausstellungen über sog. „exotische Tiere“ oder „fremde Kulturen“, das Eigene (vgl. Korff 2007). Das Aufzeigen und (Re)präsentieren des regionalen „Eigenen“, dem Publikum (vermeintlich) nahen, bekräftigt die Abgrenzung von einer eigenen evolutionären Tradition und einem Selbstverständnis als das „Eigene“ (das Richtige, Normale, Zivilisierte; je nach Thema und Intention der Ausstellung oder des Museums) zu einem „Anderen“ (Fremden, Wilden, Unzivilisierten).Diese damit mit-konstruierten und gleichzeitig repräsentierten Herrschaftsstrukturen und Machtpositionen in Museen werden nach wie vor wenig und nur sehr marginal reflektiert (vgl. Kazeem 2009), ebenso wie die damit hergestellten kollektiven Identitätskonstrukte, die u.a. der Selbstvergewisserung dienen sollen. Postkoloniale Diskurse in und zu Museen im deutschen Sprachraum sind zwar vorhanden, werden jedoch von den Institutionen selbst kaum wahrgenommen. Die nichtreflektierten Folgen (des Kolonialismus) formen jedoch die Gegenwart mit – gerade in der Ausstellungspraxis, weshalb es dringend notwendig ist, diesen Diskurs weiter voranzutreiben. Es stellen sich die Fragen, wie und wo die hegemonialen, androzentristischen und (post)kolonialen Machtstrukturen und Intentionen zu erkennen, und wo die Anhaltspunkte für Selbstvergewisserungen festzumachen sind, um aufzuzeigen, was dies für gegenwärtige Ausstellungskonzepte und –kontexte bedeutet.Meine Hypothese lautet, dass Naturhistorische Museen in ihrer Funktion zur Begründung und Festigung von Hegemoniebildungen in der Gegenwart noch gestärkt werden. Das Wissen und die teilweise vorgenommene Aufarbeitung der Problematik des Zustandekommens von Museumsbeständen und der Art der Ausstellungspraxis haben diese Tendenz nicht geschwächt, sondern im Gegenteil noch unterstützt. Der postkoloniale, wie auch der feministische Diskurs und die daraus gewonnenen Kenntnisse seitens der Museen als staatliche Institutionen und teilweise auch seitens eines kritischen und aufgeklärten Publikums scheinen paradoxerweise zu legitimieren, dass kritische Aspekte nicht (mehr) einbezogen werden. Diese Entwicklungen und Tendenzen gilt es genauer zu untersuchen. Ich beschränke mich hierbei auf den deutschen Sprachraum, im Besonderen werden die Naturhistorischen Museen in Wien, Berlin und Basel unter den Aspekten des Museums als Ort der Erinnerung und der Repräsentation als Institution, ihrer Dauerausstellungen und schliesslich unter dem Aspekt der Objektsammlungen mit ihren Schwerpunkten, analysiert. Für die Recherchen werden vorwiegend Jahresberichte der Museen, Ausstellungskataloge und Bestände (Objekte gleichermassen wie Schriftstücke) der Museumsarchive sein. Ein Vergleich der drei Häuser wird Parallelen aufzeigen, jedoch auch Unterschiede – inwieweit die drei Häuser Parallelen und Unterschiede bzgl. Gründungsintention, Sammlungs- und Ausstellungsphilosophie und ihrer Entwicklung aufweisen und in welcher Weise sie auf die (nicht) kolonialen Tätigkeiten des jeweiligen Landes zurückzuführen sind, wird ebenfalls Teil meiner Untersuchungen sein.

Supervisor: Andrea Maihofer