Franziska Schutzbach

Demographische Krisenszenarien und die Regulierung der Fortpflanzung (Arbeitstitel)

Demographische Veränderungen sind in den letzten Jahren oft als die größte Herausforderung für Europa diskutiert worden: die niedrigen Geburtenraten und die Überalterung gelten als Vorboten eines „Untergangs“. Ein solches Katastrophenszenario hat zahlreiche politische Debatten und Strategien hervorgebracht. Drastische Maßnahmen wie Abtreibungsverbote oder Zwangssterilisationen stehen zwar nicht länger auf der politischen Agenda, aber bei näherer Betrachtung wird deutlich, dass Fortpflanzung nach wie vor politisch reguliert ist. Darauf verweisen zum Beispiel familienpolitische Interventionen, die in den letzten Jahren mit dem Geburtenrückgang begründet wurden (wie das Elterngeld in Deutschland). Aber auch das Feld der Gesundheit und der Medizin wird verstärkt bevölkerungspolitisch konfiguriert. Das Dissertationsprojekt untersucht, wie an der Schnittstelle von Gesundheits- und Bevölkerungspolitiken die sexuelle und reproduktive Lebensführung verschiedener Bevölkerungsgruppen objektiviert und regulierbar gemacht wird. Auf der Grundlage diskursanalytischer Untersuchungen von WHO-Programmen und reproduktionsmedizinischen Expertisen zeigt das Projekt, auf welche Weise Sexualität und Fortpflanzung vergeschlechtlicht und ethnisiert werden. Deutlich wird, dass die Idee der „europäischen Nation“ auf einem (hetero)normativen, weiblichen, gesunden und genuin europäischen ›Gattungs-Auftrag‹ beruht.  Die Untersuchung beschäftigt sich mit der Frage, wie die Reproduktionsdiskurse bestimmte Bevölkerungsgruppen als zukünftige Generationen imaginieren – und andere nicht. Herausgearbeitet wird dabei, in welcher Weise diese Ausdifferenzierungen auf den kolonialen Topos einer krisenhaften Bevölkerung verweisen. Denn: Das Szenario der ›europäischen‹ Unfruchtbarkeit erhält seine katastrophische Bedeutung im Rahmen eines globalen und hegemonialen Narrativs. Dem ›unterbevölkerten‹ Europa wird eine drohende Überbevölkerung „aus dem Süden“ gegenüberstellt und eine grundlegende Hierarchisierung des globalen Lebens mobilisiert.


Keywords: Sexualität, Fortpflanzung, Geschlecht, Ethnisierung, Biopolitik, Bevölkerung, Gesundheit, Medikalisierung, Demographie, Nation, Gouvernementalität.

Promotion im Fach Gender Studies an der Universität Basel

 

Supervisor: Andrea Maihofer

Co-Supervisor: Birgit Sauer

 

Bio:

  • Seit 2015 Graduierte in der Graduiertenschule Social Sciences (G3S) und im Graduiertenkolleg Geschlechterforschung.
  • 2011-2015 Assistentin am Zentrum Gender Studies (Lehre, Forschung, Tagungsorganisation und Öffentlichkeitsarbeit).
  • 2009-2010 Forschungsaufenthalt am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien und Gastforscherin im Graduiertenkolleg „Geschlecht als Kategorie des Wissens“, Humboldt Universität zu Berlin.
  • Seit 2010 Dissertationsprojekt: Demographische Krisenszenarien und die Regulierung der Fortpflanzung. Franziska Schutzbach untersucht unter anderem die sozioökonomische Bedeutung von aktuellen Gesundheitskonzepten und Geschlecht (insbesondere die „sexuelle und reproduktiven Gesundheit“) im europäischen Raum. Im Zentrum steht die Frage, wie Gesundheit, Bevölkerungspolitiken und sozialstaatliche Sicherungslogiken zusammenhängen.
  • Seit 2009 Kollegiatin des Graduiertenkollegs „Repräsentation, Materialität und Geschlecht: gegenwärtige und historische Neuformierungen der Geschlechterverhältnisse“ am Zentrum Gender Studies, Universität Basel.
  • 2008-2009: Mentee im Mentoringprogramm Diss+, Universität Basel
  • 2003 bis 2008 Studium der Soziologie, Medienwissenschaften und Gender Studies an der Universität Basel. Magisterarbeit: „Sex und Terror: Zur Konstituierung des Feindes im aktuellen Terrorismus-Diskurs am Beispiel des ‚Folterskandals’ Abu Ghraib“
  • Seit 2003 verschiedene journalistische Tätigkeiten

 

Mitgliedschaften

  • Queerfeministische Ökonomiekritik, Berlin.
  • Verein Feministische Wissenschaft, Schweiz.
  • Schweizer Gesellschaft für Geschlechterforschung SGGF

 

Stipendien und Forschungsförderung

  • 2003-2008: Dr. Max-Husmann-Stiftung (ZH)
  • 2007/08: Stipendium der Universität Basel
  • 2008 bis 2009: Mentoringprogramm Diss+, Universität Basel, Mentee
  • Juli 2008-Februar 2009: Förderung durch den Hilfsverein für Deutsche (BS)
  • 2009/10 Erasmus-Stipendiatin

 

Forschungsschwerpunkte

  • Reproduktionspolitiken und Geschlechterverhältnisse
  • Bevölkerungspolitik und Medikalisierung
  • Gouvernementalität und Biopolitik
  • Postkolonialismus
  • Sozialstaat und Sozialpolitik
  • Diskurstheorie
  • Geschlechtertheorie und Feministische Theorie
  • Antifeminismus und ‚Antigenderismus’

 

(Lehr-)veranstaltungen

  • Interdisziplinäre Ringvorlesung zur Einführung in die Geschlechterforschung
  • Biomacht, Gouvernementalität und die Regierung der Körper
  • Sex – Generativität – Leben. Geschlechtertheoretische Perspektiven auf biologische Fortpflanzung.
  • Antifeminismus als Reaktion auf Krise und Transformation? (gemeinsam mit Prof. Dr. Andrea Maihofer im FS 2014)
  • Konzeption, Organisation und Koordination des wissenschaftlichen Symposiums anlässlich des 60. Geburtstages von Prof. Dr. Andrea Maihofer: „Geschlechterverhältnisse: Umbrüche – Krise ¬– Krise – Kritik“
  • Konzeption und Moderation der Podiumsdiskussion „Reproduktionsverhältnisse in der Krise“ (mit Frank Luck, Ina Praetorius, Katharina Pühl und Sarah Schilliger).

 

Vorträge

„Über die Verschiebung vom Antifeminismus zum Antigenderismus“, gemeinsam mit Prof. Andrea Maihofer, 37. Kongress der deutschen Gesellschaft für Soziologie, Routinen der Krise, Krisen der Routinen. Universität Trier (D), 09.10.2014

„Reproduktionspolitiken und Sexualisierung“, Bildungszentrum Schlossmatt, Gendertag, Bern, 20. 06. 2014

„Globale Reproduktionspolitiken und die Rolle der Geburt“, Vortragsreihe „Copy Paste“, Biel/Bienne, 10. 06. 2014

„Bevölkerungspolitik und Menschenrechte“, Vortrag in der Reihe „Menschenrechte aktuell“, Institut für Soziologie, Universität Basel, 26.3.2014

"Postkoloniale Figurationen in Demographie- und Fertilitätsdiskursen", Graduiertenkolleg Gender Studies, Universität Basel (CH), 12.11.2012

"Die Bioökonomie der Fortpflanzung", Tagung der SGGF, Geschlecht im Kontext verschärfter ökonomischer Krisen, 7./8. 09. 2012

"Frauen in der Gesundheitsgesellschaft. Sexualität und Fortpflanzung: Zwischen Selbstbestimmung und Regulierung", Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern (CH), 28.06.2012

"Koloniale Genealogien von Bevölkerungspolitiken und Public Health", Graduiertenkolleg Gender Studies, Universität Basel (CH), 14.11.2011

«La famille n'existe pas?» Re-Traditionalisierung und Auflösung von Familienstrukturen", Fachtagung des Schulinspektorats Seeland RIS (CH), 28.10.2011

"Redundant Bodies", International Confrence "Reframing Gender, Reframing Critique", Universität Basel (CH), 18.09.2011

"Gender Studies: GeMachte Geschlechter", Vortrag "Einführung in die Gesellschaftswissenschaften", Universität Basel (CH), 10.05.2011

 

Publikationen

„Bevölkerung, Krise, Nation. Koloniale Kontinuitäten in demographischen Fertilitätsdebatten“, in: Hostettler, Karin; Vögele, Sophie (Hg.): Diesseits der imperialen Geschlechterordnung. (Post-)koloniale Reflexionen über den Westen. Transcript (im Erscheinen).

»Vom Aussterben Europas. Eine kritische Einschätzung von Fortpflanzungsdiskursen in europäischen Gesundheitsprogrammen«, in: GENDER. Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft(2013) 5(1), S. 72-87.

„Sex und Terror: Zur Konstituierung des Feindes im aktuellen Terrorismus-Diskurs am Beispiel des ‚Folterskandals’ Abu Ghraib“. Vortrag am SGS-Kongress „Krieg!“. In: Abstracts, SGS-Kongress "Krieg!", 12.-14. September 2007, Universität Basel / [hrsg. von] Schweizerische Gesellschaft für Soziologie.

Journalistische Artikel und Essays zu Geschlechterthemen u.a. für NZZ, Missy Magazin, Annabelle, Basellandschaftlichen Zeitung. Auswahl:

 

„Der Hass der Antifeministen“, Tageswoche, 19. Februar 2015

„Der Streit um die Deutungshoheit über die jugendliche Sexualität“, Tageswoche, 30. April 2014

„Affect Studies. Die Politik der Gefühle“, Tageswoche, 06. Februar 2014

„Reclaim Anger“, Fuckermothers, 15. März 2012

„Ohnmacht der Gedanken“, NZZ, 30. Mai 2010

„Und ewig putzt die Frau“, Annabelle, 12/2009

„Germanys Next Top-Trottel“, NZZ, 25. Januar 2009

„Reclaim Anger“, Fuckermothers, 15. März 2012